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Lithium: Ein ehemaliger Minister prangert die Primarisierung der Wirtschaft an

Als ehemaliger Minister für Wissenschaft und Technologie unter Präsident Alberto Fernández (2019-2023) leitete Roberto Salvarezza auch die staatlichen Unternehmen, die das argentinische Lithium industrialisieren sollten. Er blickt zurück auf den Druck ausländischer Bergbauunternehmen und auf das abrupte Ende des Projekts nach der Wahl von Javier Milei.

Die Salinas Grandes im Nordwesten Argentiniens.

Die Salinas Grandes im Nordwesten Argentiniens.

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Am 19. November 2023 kippte Argentinien. An seiner Spitze steht nun ein Präsident, der ein extraktivistisches und industriefeindliches Modell vertritt. Roberto Salvarezza, von 2019 bis 2021 Minister für Wissenschaft und Technologie unter Präsident Alberto Fernández, kann davon im Detail berichten. 2021 und 2022 leitete er nämlich die Unternehmen YPF Technologies (Y-Tec) und danach YPF Litio, die sich für die Industrialisierung des Lithiums einsetzten. Hier erzählt er uns die verschiedenen Etappen eines Projekts, das Anfang der 2010er-Jahre entstand, und wie es nach dem Machtantritt von Javier Milei abrupt gestoppt wurde. Für den ehemaligen Minister „wiederholt sich das alte koloniale Muster. Die Wertschöpfung findet in den entwickelten Ländern statt, und wir liefern den Rohstoff“.

Wann begann das Projekt zur Industrialisierung des Lithiums in Argentinien?

Die Idee, in der Wertschöpfungskette der Elektrobatterien aufzusteigen, entstand Anfang der 2010er-Jahre unter der Präsidentschaft von Cristina Kirchner. „Wir haben das Lithium, warum sollten wir nicht die Batterien herstellen?“, regte die argentinische Präsidentin vor versammelten Wissenschaftlern an. Das war der Beginn eines langen, steinigen Weges. 2012 wurde das Unternehmen YPF Technologies, kurz Y-Tec, gegründet, in dem einige Jahre später eine Pilotanlage entstand, die die ersten experimentellen Zellen für Lithium-Ionen-Batterien herstellte. Der eigentliche Durchbruch kam dann mit dem Machtantritt von Gabriel Boric in Chile und Alberto Fernández in Argentinien. Die beiden Länder kamen zu einer gemeinsamen Sichtweise und begannen, die gesamte Wertschöpfungskette des Lithiums zu denken. Es ging nicht mehr nur darum, von der Sole (salmuera) zum Carbonat zu kommen, was bereits eine Wertschöpfung darstellte, sondern weiterzugehen, bis zur Herstellung elektrischer Komponenten. Chile reservierte bereits einen Teil seiner Produktion, etwa 12 %, für die Industrialisierung. In Argentinien zeigten sich die ersten Ergebnisse zwei Jahre nach dem Machtantritt von Alberto Fernández, mit der Gründung der Fabrik Unilib, die Batteriezellen herstellen sollte, diesmal im industriellen Maßstab.

Wie wollten Sie an das Lithium kommen?

Tatsächlich fehlte noch das Wichtigste: der Rohstoff, der sich in den Händen der Bergbauunternehmen befand. 2022 erklärte sich das US-Unternehmen Livent bereit, Y-Tec fünfzehn Tonnen Lithiumcarbonat zu verkaufen, genug, um die Fabrik ein Jahr lang zu betreiben. Damals kam die zentrale Idee des Projekts auf: landesweit vorzuschreiben, dass ein kleiner Teil der Lithiumcarbonat-Produktion (in der Größenordnung von 5 bis 10 %) für die Industrialisierung auf argentinischem Boden reserviert wird. In Chile gibt es das bereits.

Wie reagierten die ausländischen Bergbauunternehmen?

Die ausländischen Unternehmen übten Druck auf die politischen Entscheidungsträger aus, vor allem auf die Provinzregierungen, die das Geld aus dem Lithium brauchen. In der öffentlichen Debatte tauchten außerdem zahlreiche angebliche Lithium-Experten auf, die munter die Interessen des Bergbaus verteidigten. In Fachzeitschriften häuften sich Artikel, die die Machbarkeit des Projekts anzweifelten und es zu diskreditieren versuchten. Argentinien habe nicht das Kobalt und das Nickel, die für die Batterieproduktion nötig sind, hieß es. Oder auch: Die Industrialisierung werde die argentinischen Exporte beeinträchtigen, indem sie die Investitionen im Bergbau und die Deviseneinnahmen verringere, die das Land braucht. Das erste Argument war jedoch nicht stichhaltig, denn Unilib wollte auf die Technologie der LFP-Batterien (Lithium-Eisenphosphat) setzen: Kobalt und Nickel waren also nicht unverzichtbar. Das zweite übersah, dass das Projekt nur einen winzigen Bruchteil der Lithiumcarbonat-Produktion betraf und nicht die gesamte Produktion.

[…]

Aber das Projekt kam weiter voran. 2022 wurde das Unternehmen YPF Litio gegründet, das mit Erkundungen in den argentinischen Salzseen beauftragt war. Dann setzte sich das Sekretariat für strategische Angelegenheiten (SAE) beim mesa del litio (dem Runden Tisch zum Lithium) 2023 für ein Gesetz ein, das vorschreiben sollte, dass ein Teil der Lithiumcarbonat-Produktion der Industrialisierung gewidmet wird.

Wie hat sich der Widerstand der Bergbauunternehmen entwickelt?

Am Anfang war er gewaltig, aber er wurde nach und nach schwächer. Ich hatte Gelegenheit, mit vielen Unternehmen zu sprechen. Sie sahen in der Industrialisierung eine Bedrohung für den Export: Wenn wir industrialisieren, exportieren wir weniger, das war ihre Befürchtung. Aber wir haben ihnen gezeigt, dass sich beides nicht ausschließt. Nur ein kleiner Prozentsatz der Produktion sollte für den Binnenmarkt, die Region oder den Mercosur reserviert werden. Die Unternehmen akzeptierten schließlich die Idee einer Quote, sträubten sich aber dagegen, dass die Maßnahme gesetzlich verankert wird. Die Gespräche gingen weiter.

Wie hat sich Europa verhalten?

Wir hatten nichts dagegen, dass ausländische Unternehmen sich zusammen mit YPF am Projekt beteiligen. Das hätte zum Beispiel ein italienisches Unternehmen mit YPF sein können, doch schließlich waren es deutsche Pensionsfonds, die Interesse bekundeten, sich mit Y-Tec an der Großproduktion von LFP-Batterien auf argentinischem Boden zu beteiligen. Dieses Modell war möglich. Europa zeigte unbestreitbar Interesse an unserem Vorschlag, auch weil es in Argentinien nur ein einziges großes Bergbauprojekt hatte, das von Eramet. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gut an ein Seminar im Dezember 2023, an dem ich teilnahm und bei dem uns die Europäische Union unterstützt hatte: „Die lateinamerikanischen Länder wollen sich industrialisieren. Sind wir in der Lage, einen produktiven und inklusiven Investitionsplan zu entwerfen? Das heißt nicht take the lithium and run“, erklärte Félix Fernández-Shaw, der Vertreter der EU für Lateinamerika. Später in den Diskussionen fügte er hinzu: „Europa strebt nicht nur seine eigene Energiewende an, sondern die der ganzen Welt.“ Dieses Seminar war sehr angespannt. Natürlich wollten die US-amerikanischen und chinesischen Autohersteller einen Teil des Carbonats für sich behalten. Das ist verständlich, und die europäischen Unternehmen wollten das übrigens auch. Aber ich wiederhole: Das ist keineswegs unvereinbar mit der Wertschöpfung in unserem Land.

Wie wurde das Projekt von den argentinischen Provinzen aufgenommen?

Auch bei den Provinzen gab es erhebliche Fortschritte. In den Gesprächen herrschte nahezu Einigkeit darüber, wie wichtig es ist, den Sektor zu industrialisieren. Es blieben nur Meinungsverschiedenheiten über die Einzelheiten: Die Provinzen fürchteten, dass der Zentralstaat in ihre Kontrolle über die Bodenschätze eingreift. […] Die Unterstützung der Provinzen war für uns unverzichtbar, denn sie kontrollieren viele Abgeordnete und Senatoren im Kongress.

Was geschah, nachdem Javier Milei in die Casa Rosada eingezogen war?

Der Machtantritt von Javier Milei brachte das Projekt zum Stillstand. An die Spitze von YPF wurde ein neuer Präsident berufen, der nur noch Augen für die Förderung von unkonventionellem Öl und Gas in Vaca Muerta hatte. Von einem Tag auf den anderen machte Y-Tec keine einzige öffentliche Ankündigung mehr zu dem Thema, und das SAE wurde schlicht abgeschafft. Ich selbst bin von meinen beiden Präsidentenposten zurückgetreten, weil ich der Meinung war, dass die Voraussetzungen für ein Vorankommen des Projekts nicht mehr gegeben waren. Seitdem herrscht ohrenbetäubendes Schweigen zu dem Thema. Eine Katastrophe. Die Nationalabgeordnete Julia Strada (Unión por la Patria) hat in Fortführung unseres Vorschlags einen Gesetzentwurf über eine Industrialisierungsquote eingebracht. Doch die Medien haben ihn sofort mit falschen Argumenten kritisiert. Obwohl er im Kongress in der Minderheit ist, kontrolliert Javier Milei ihn, indem er mit den Provinzgouverneuren und ihren Vertretern im Parlament verhandelt. Was wir erleben, ist eine allgemeine Primarisierung der Wirtschaft. Das alte koloniale Muster wiederholt sich. Die Wertschöpfung findet in den entwickelten Ländern statt, und wir liefern den Rohstoff.

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